Interview mit Michael Frautz

Herr Frautz, was hat Sie dazu veranlasst, die TRUSC ins Leben zu rufen?

Im Wesentlichen die Erkenntnis, dass einiges im Internet irgendwie nicht richtig läuft. Ich bewege mich beruflich inzwischen seit mehr als 35 Jahren in der Computerwelt und habe die Digitalisierung von Anfang an unmittelbar miterlebt. Schon immer konnte ich mich für die technischen Entwicklungen begeistern, nehme hier aber gleichzeitig auch immer mehr Missstände wahr.

Können Sie diese Missstände benennen?

Überwachung, Betrug, Mobbing und Datenmissbrauch gehören für mich zu den dunklen Seiten des Internets. Verweilen wir kurz beim letzten Punkt: Im Internet wurden und werden Unsummen mit dem Datenhandel verdient. Davon profitieren einige wenige sehr große Firmen wie zum Beispiel Facebook und Google. Das ist deshalb ein Problem, weil der Handel nicht transparent ist, sondern versteckt. Ohne Wissen der Anwender ob der Folgen. Ohne sie am Betrag zu beteiligen und über den Wert der Daten in Kenntnis zu setzen. Trotzdem wird das geduldet und für normal betrachtet. Erst langsam wächst das Bewusstsein der Menschen, dass da etwas aus dem Ruder geraten ist. Skandale bei Facebook und die DSGVO helfen dabei.

Das heißt, jeder sollte autonom über seine Daten verfügen und wissen, was mit ihnen geschieht?

Genau. Meine Daten gehören mir, bedingungslos! Das betrifft meine persönlichen Daten ebenso wie die meiner Familie und meines Umfelds. Das betrifft Kauf- und Suchhistorien, Kreditkartennummern, besuchte Orte, Visitenkarten, Vorlieben und Fotos. All das, was aktuell im Internet herumspukt bzw. zum Eigentum von Google, Facebook und Co ernannt wurde. Das Tauschprinzip „Daten gegen Anwendungen“ halte ich für grundsätzlich falsch, weil es hochgradig intransparent und oft unverhältnismäßig ist. Logischerweise auf Kosten der Nutzer.

Und was für ein Rezept schlagen Sie vor, um diesen Zustand zu verändern?

Rezeptvorschlag No. 1 bezieht sich auf den Umgang mit Daten im Internet bzw. den eingangs beschriebenen Datenhandel. Hier muss sich etwas grundsätzlich ändern: Keiner sollte mehr unwissentlich mit seinen Daten zahlen. Meines Erachtens muss sich die hier festzustellende Pervertierung des Tauschgeschäfts wieder umdrehen: Wer etwas liefert, wird bezahlt. Wer etwas bekommt, zahlt. Wer nichts liefern möchte, liefert auch nichts. Keiner zahlt mehr mit seinen Daten, es sei denn, man möchte es. Denn es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Google mit Daten Geld verdient, aber ich möchte davon wissen! Denken wir an das Bild des ehrbaren Kaufmanns: Jeder Handelspartner verhält sich verlässlich und fair, jeder kennt die Bedingungen und kann sie entweder annehmen oder ausschlagen. Ich wünsche mir, dass dies auch für die Geschäfte mit Daten im Internet gilt. Wenn wir so weit sind, dann haben wir es wieder richtig gestellt.

Rezeptvorschlag No.2: Ein Paradigmenwechsel im Verhältnis von Mensch und Technik. Viele Anwendungen und digitale Lösungen kreisen mehr um sich selbst als um den Menschen. Sie scheinen oft reiner Selbstzweck zu sein und überfordern den Menschen, stehlen seine Zeit. Meines Erachtens muss sich das radikal verändern: Nicht ich muss die Technik verstehen, sondern die Technik muss mich verstehen. Apps und Anwendungen sollten genau so aufgebaut sein, was heute leider selten der Fall ist. Rezeptvorschlag

Sie scheinen keine Angst davor zu haben, etablierte Strukturen verändern zu wollen oder täusche ich mich?

Nein gar nicht. Ich habe immer schon das Bedürfnis gehabt, Dinge, die mich ärgern, zu ändern. Ich denke, meine Mitarbeiter können davon ein Lied singen… Ich betrete ungern abgetretene Pfade. Stattdessen visualisiere ich mein Ziel und überlege mir dann, welcher Weg dorthin der geeignetste ist, auch wenn scheinbar unüberwindbare Hindernisse auf der Strecke liegen. Glaubenssätze von anderen sind mir dabei im Übrigen relativ egal. Im Gegenteil, sie sind sogar Ansporn für mich, die Dinge zu hinterfragen, neu zu denken, neue Perspektiven wahrzunehmen.

Das klingt, als wären sie ein sehr unabhängiger Mensch…

Ja, ich bin sehr freiheitsliebend. Eigentlich habe ich alles, was ich bisher getan habe, aus dem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung gemacht.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Als ich noch Schüler war, wollte ich gern mehr finanzielle Freiheiten erlangen. Aber irgendeinen Ferienjob wollte ich nicht machen. Als meine damalige Freundin eine Stelle in der städtischen Kulturverwaltung annahm, ergriff ich die Chance und brachte mich als Dozent für EDV-Anwendungen ins Spiel. Ohne irgendwelche handfesten Vorkenntnisse, dafür mit einer Portion Leidenschaft für Computer versehen. Das war die perfekte Lösung für mich. Daraus ist dann, auch noch zu Schulzeiten, meine eigene Schulungsfirma entstanden, die AHA Computer-Service.

Und wie ging es dann weiter mit Ihrer beruflichen Laufbahn?

Nach dem Abitur habe ich in Hamburg BWL bis zum Grundstudium studiert. Meine Schulungsfirma betrieb ich unterdessen weiter und sie nahm immer größere Formen an. Fürs Studium blieb dann keine Zeit mehr. Zumal ich parallel ein Apple-Systemhaus in Hamburg mit aufbaute. In einer meiner Schulungen lernte ich dann Mitarbeiter von Philips kennen. Mit denen kam ich ins Gespräch über das Schulungsgeschäft und klagte mein Leid über die starken saisonalen Schwankungen. Darauf fragten sie mich, ob ich sie beim Aufbau ihrer Handelsstruktur in Deutschland unterstützen wolle, was mich spontan interessierte. So driftete ich mit meinem Unternehmen vom Schulungsbereich weg in den Großhandel mit Hardware. Das Geschäft war ein großer Erfolg. Die Ware ging containerweise über den Ladentisch, unser Umsatz verdoppelte sich alle drei Monate. Damit war AHA binnen kurzer Zeit einer der größten Großhändler für Philips Monitore und Lasertechnologien in Deutschland. „Was aus einer zufälligen Begegnung so erwachsen kann“, dachte ich mir oft.

Im Rahmen der weiteren Finanzierung des Wachstums sollten weitere Partner mit aufgenommen werden. Leider stand eines schönen Tages die Steuerfahndung vor unserer Tür. Wie sich herausstellte, gehörten diese Kollegen zu den Keyplayern eines der größten Steuerbetrugskarussells Europas. Damit brach auch das Geschäft der AHA wie ein Kartenhaus zusammen. Im April 2007 musste ich für meine Firma Insolvenz anmelden.

Das hört sich ja fast wie ein Krimi an – oder doch eher wie eine Tragödie?

Tragisch war das schon, aber eine meiner Fähigkeiten ist es wohl, mich schnell auf neue Situationen einzulassen. Ich überlegte mir, was ich künftig tun wollte. Eins war mir klar: Ich hatte keine Lust mehr auf große Geschäfte. Ein paar Monate später entschloss ich mich, einfach einen kleinen Computerladen aufzumachen. Ohne größeren Abhängigkeiten zu Banken und den großen Playern ausgesetzt zu sein.  So ist MKCL entstanden.

Und daraus dann wiederum die Gustav Windeit GmbH?

Genau. Einer meiner Kunden war ein großer Versicherungskonzern. Dort statteten wir die ersten Mitarbeiter mit Computern aus. Insgesamt 3000 Stück. Drei Jahre später wollten sie neue haben. Dieses Mal 20 000 Stück. Und als die dann drei Jahre später ersetzt werden sollten, standen wir vor einem riesigen Berg von gebrauchten Geräten.  Zu dem Zeitpunkt wusste indes keiner, was man mit diesen Geräten ausrichten sollte, denn der Handel mit Gebrauchtgeräten hatte sich noch nicht etabliert. Das war die Stunde, wo ich das Geschäft mit gebrauchten Computern entdeckte. Ich gründete eine neue Firma für das B2C-Geschäft: die Gustav Windeit GmbH. Der Name stammt übrigens von meinem Großvater, der mein großes unternehmerisches Vorbild war.

Eine spannende Unternehmerbiografie! Gibt es etwas, was all diese Unternehmungen gemein haben: Werte oder Handlungsmaxime, die sich in all Ihren Unternehmungen wiederfinden lassen?

Ich glaube, was sich durch alle Geschäfte wie ein roter Faden durchzieht, ist mein Wunsch, die Dinge wirklich zu Ende zu denken. Dadurch habe ich in meinen Unternehmen und hoffentlich auch bei meinen Kunden einiges verändert. Außerdem ist die Freiheit, die mir als Mensch wichtig ist, auch als wichtiger Wert in meinen Unternehmungen zu finden. Das Gefühl von Abhängigkeit kann ich nur schwer ertragen. Damit in Zusammenhang steht auch der immer wiederkehrende Wunsch, Strukturen zu hinterfragen und alte Muster aufzubrechen. Mal sehen, wo mich das noch hinführen wird…

(Das Interview führte Katrin Frische)

Team